bewaffneter Waldspaziergang

Jagdfreund Alfred lud Ende Januar zu einem kleinen bewaffneten Waldspaziergang ein. Haben wir beide doch schon seit langem
ein intensives, freundschaftliches Verhältnis und meine Frau sagt des öfteren nach Durchsicht der Telefonabrechnung,
"mit Alfred telefonierst Du ja mehr, wie mit mir..." und so konnte einem schönen, gemeinsamen Wintermorgen nichts entgegenstehen.
Jagen wollten wir auf den Fuchs und hatten auch schon einen Plan:
An einem Südhang befand sich ein großer Bau inmitten eines Fichtenaltholzbestandes. Dieser lichte Wald war teils noch
eingegattert und von einer gewissen 'Unordentlichkeit' geprägt; befanden sich hier doch etliche Windbrüche, Brombeeren
und aus Kriegszeiten sogar noch alte Bombentrichter. Alfred bezog Position auf einer freistehenden Leiter in der Nähe des
Fuchsbaues mit herrlichem Überblick über den gesamten sonnenüberfluteten Hang. Mein Rüde Anton und ich versuchten nun
einen Fuchs auf die Läufe Richtung Fuchsbau zu bekommen. Im Schlepptau hatten wir noch einen knapp viermonatigen Welpen
aus unserem letzten Wurf, der ohne Leine eifrig sein Näschen einsetzte und begeistert folgte.
Die Stöber-, bzw. Buschierarbeit begann zunächst in einem jungen Laubholzbestand mit Holunderunterwuchs.
In gewohnter Manier, voller Passion und Jagdlust ging der Rüde ins Geschirr. Immer wieder Kontakt nehmend, suchte er
durch den herrlichen Winterwald, keine Ecke auslassend. Rehwild wurde hochgemacht und respektiert, ein Eichelhäher
warnte, aber...der erhoffte Schuß von Alfred blieb aus.
Sollte der Fuchs etwa doch auf dem Bau liegen und sich nicht die Sonne auf den Balg scheinen lassen ?

Vielleicht passierte ja nun etwas. Jetzt kamen wir ans 'Eingemachte', den Bereich des Gatters mit besonders dichtem Unterwuchs.
Rüde Anton überwand auf HOPP und mit kurzem Anlauf das Gatter. Ich hatte da schon mehr Mühe und Welpe Carlotta versuchte
sich erst im klettern, fand dann aber doch irgendwo einen Paß durch den Zaun und stand bald ebenfalls auf der richtigen Seite.
Im Gatter war der ganze Hund gefordert: Bürstendichte Brombeeren und verkrautete Baumwurzelriesen hatten ihren Meister gefunden.
Ohne Rücksicht auf die eigene Haut arbeitete der Rüde jetzt noch intensiver, als er plötzlich in den Dornen zur Säule erstarrte.
Drückender Fuchs ? Oder Schnepfe ?
Ich ließ ihn nachziehen und schon sprang das Kanin. Leider viel zu nah, um mit den derben Fuchsschroten einen wildbretschonenden
Schuß anzubringen. Der Hund konnte es nicht fassen und sein Gesicht sprach Bände, ist doch im heimatlichen Revier soetwas
meistens von Erfolg gekrönt. Er nahm die Arbeit wieder auf, um kurz darauf wieder voller Spannung vorzustehen.
Jetzt ließ ich mir Zeit zum umladen und rein die 2mm Streu in die Läufe meiner guten alten Hahnflinte. Ich ließ den Hund einspringen,
doch der graue Flitzer wollte den schützenden Brombeerkopf nicht verlassen. Immer der Spur folgend, versuchte der Rüde
das Kanin zu sprengen, zunächst erfolglos. Das Herz schlug höher bei so einer Arbeit. Mittlerweile stand wohl die Kaninwitterung
überall in den Brombeeren und der erfahrene Rüde begann nach dem Gehör zu jagen. Mit hochgezogenen Behängen stand er
regungslos auf der anderen Seite der Brombeeren und lauschte. Das gefrorene Laub verriet das Kanin und durch einen rasanten Spurt
unter den Brombeeren kam Anton in unmittelbare Nähe des Wildes, sodaß es sich nur noch durch einen schnellen weiten Sprung ins
Freie retten konnte. Er hatte es geschafft, aber für mich war das Kanin zu schnell und ich fehlte. Trotzdem setzte der Rüde nach,
hetzte hinterher und knallte gegen das Gatter, fast hätte er es wohl noch erwischt. Bevor er über das Gatter setzen konnte,
hielt ihn mein Ruf  "Aus, Pfui ! Das ist weg !" zurück, ich war etwas ärgerlich über meinen Fehlschuß.
"Weiter, auf geht's" rief ich ihm zu.

Brav folgte er meinem Ruf und suchte erneut in den Brombeeren und inmitten von riesigen Wurzelkratern 20m vor mir.
Plötzlich kam er rückwärts durch die Lüfte geflogen und gleichzeitig gellte ein Schrei von Alfred durch den Wald:
"Andreas, eine SAU, eine SAU !". Was wohl die Leute im kilometerweit entfernten Dörenhagen gedacht haben, so laut schrie
Alfred von seiner hohen Leiter.
Jetzt lief alles ab, wie in einem Film:
Doppelflinte öffnen, Kaninchenschrote raus, Sau zurück unter die Wurzel, Hund hinterher, Sau weg, Brenneke rein, Hund weg,
Waffe schließen, Sau erscheint hinter der Wurzel gefolgt vom Hund, er stellt sie oder auch umgekehrt..egal...jetzt war ich fertig,
Sau brüllte und schlug, Hund klagte, attackierte die Sau von hinten und auf ging es, die Sau löste sich vom Hund, stellte sich
breit und ich konnte zwei schnelle Schüsse anbringen.
Die Sau verschwand in den Brombeeren, der Hund hinterher, brechen, krachen, unglaubliche Gefühle in mir...Dann Ruhe.
Plötzlich getrampel: Alfred war wie ein junger Bock in Rekordzeit. über 100m Extremgelände geflogen und stand hinter mir.
Die Freude war unglaublich, konnten wir doch nur ca. 30m weiter den Hund auf der bereits verendeten Sau stehen sehen.
Voller Stolz und nur leicht geschlagen, beutelte der Hund noch kurz die Teller. Der Welpe tauchte auch auf der Sau auf
und tat es dem Alten nach. Die beiden Brenneke hatten den geringen Keiler voll ins Leben getroffen.

Mir riss es die Füße weg und ich lag erstmal lang auf der Erde, die Arme ausgebreitet die Welt zu umarmen, das Glück war
nicht zu fassen. "Das ich dies noch erleben durfte," soll ich gesagt haben. Behauptet Alfred jedenfalls bis heute. Irgendwann
löste sich unser Knäuel aus Zwei- und Vierbeinern und wir zogen die Sau aus dem Gatter. Wo war mein Rüde denn plötzlich ?
Wieso läßt der so einfach ab von seiner Beute ? Vor wenigen Wochen hatte er auf einer Drückjagd im Teutoburger Wald
eine Terriermeute nacheinander aus einer Dickung geschleudert, die an SEINEN Keiler wollten. Der Terrierführer war damals
hoch erbost und meinte, mein Setter hätte seine Terrier nun jagduntauglich gemacht. Eigentlich nimmt er seine Beute immer
sehr ernst und nachdrücklich in Besitz und heute ? Verschnaufend begutachteten wir nochmals unsere Sau, die wir nun
auch über den Gatterzaun hatten. Alfred lachte plötzlich herzlich und sagte: "Unglaublich. Schau !".
Der Rüde kam außerhalb des Gatters mit dem anfangs beschossenen Kaninchen aus dem Holunder.
Waidmannsdank dem guten Hund !

Andreas Lohmann
& ISR Lohmann's Anton

P.S.: Daheim in Alfred's guter Stube mußten wir erstmal seiner lieben Frau Maria von unserem Jagdglück berichten und
spielten ihr die Szene als Rollenspiel vor. Es folgte ein deftiger Frühschoppen und nacheinander erschienen alle unsere Jagdfreunde.
Jedem einzelnen wurde die Szene wieder vorgespielt, zur größten Freude von Maria, die zunehmende Änderungen im Handlungsablauf
bemerkte. Meine Frau bemerkte später nur, Alfred hätte seine Rolle wacker und aktiv durchgehalten, ich aber gegen Abend
lediglich die Stelle: "Liegt auf der Erde, breitet die Arme aus und erklärt sein Leben für beendet," gespielt.